Krafttier Maus

Krafttier Maus

Krafttier Maus

Von Apollos Mäuseplage bis zu Ganeshas treuem Begleiter

Über das Krafttier Maus lässt sich viel sagen. Die einen sprechen davon, die Maus steht für Bescheidenheit und die kleinen Dinge. Die nächsten sagen, sie sei für Mut und innere Stärke, und andere wiederum für Intuition. Sicherlich gibt es noch mehr Deutungen. Bei meiner Recherche woher diese Unterschiede kommen, bin ich auf interessante Geschichten aus verschiedenen Kulturen gestoßen. Die Maus galt mal als Bote des Teufels, mal als Reittier der Götter, mal als die Heldin.
Doch lest selbst, liebe Freundinnen und Freunde der universellen Krafttierenergie, was die Menschen der verschiedenen Kulturen in die Maus deuteten.

Die Maus in der Natur

Die Feldmaus ist mit rund zehn Zentimetern Körperlänge das häufigste Säugetier Europas. Im Winter findet man auf den Feldern oft ein ganzes Netz aus Laufgängen, die die Tiere sogar mit geflochtenem Gras gegen den Frost überdachen. Daneben gibt es die Wühlmäuse mit ihrer stumpferen Schnauze und den kaum sichtbaren Ohren.
Waldmäuse wiederum leben gesellig, oft zu mehreren in den natürlichen Hohlräumen unter alten Baumwurzeln. Sie ernähren sich von Knospen, Insekten und allem, was der Wald im Überfluss anzubieten hat.
Biologisch gehören all diese Tiere zur großen Ordnung der Nagetiere, genauer zur Familie der Langschwanzmäuse, zu der weltweit die sogenannten echten Mäuse zählen.

Im Winter wird es für sie allerdings auch eng: Marder graben sich zu den Wurzelhöhlen vor. Die Forscher der McGill University in Montreal wiesen bei Waldmäusen etwas nach, das damals niemand erwartet hatte: Mitgefühl. Hatte ein Tier zuvor beobachtet, wie ein Artgenosse Schmerzen erlitt, spürte es selbst empfundenen Schmerz deutlich stärker. War dagegen ein unversehrter Artgenosse anwesend, ließen sich die Schmerzen leichter ertragen. Entscheidend war dabei, wie lange sich die Tiere schon kannten: Da Waldmäuse längere Zeit in einer Gruppe zusammenleben, zeigte sich der Effekt schon nach vierzehn Tagen. Es war der erste Nachweis eines solchen Phänomens bei einem Tier, das kein Primat ist.

Europäisches Mittelalter: Vom Dämon bis zur entlaufenen Seele

Wenn die Ernte schlecht ausfiel und die Menschen nicht genug Vorräte zum Überleben hatten, waren die Mäuse ein zusätzliches ernstes Problem. Sie fraßen sich durch die Vorräte, die über Leben und Tod entscheiden konnten. Aus diesem ganz praktischen Ärger wuchs im Mittelalter eine düstere Symbolik heran. Den Tieren haftete der Charakter von Unersättlichkeit und Zerstörung an.

Die strengen Christen sollen sogar von Teuflischem und Irrlehre gepredigt haben. Im Volksglauben erledigten Mäuse sogar Botengänge für Luzifer selbst.

Schlief ein Kind mit offenem Mund, fürchteten die Menschen außerdem, seine Seele könne in Form einer weißen Maus entweichen.
Die mittelalterliche Heilkunde wiederum versprach sich vom Verzehr einer Maus die Heilung von Zahnschmerzen (ob roh oder gekocht habe ich nicht herausgefunden).

Selbst die Redensart: „Da beißt die Maus keinen Faden ab“ soll bereits in dieser Zeit entstanden sein.

Barlaam und Josaphat Parabel

Eine besonders eindringliche Szene findet sich daneben auf Kirchenfresken und in Handschriften ganz Europas: eine Parabel aus der Legende von Barlaam und Josaphat (Fiktive Figuren aus dem Mittelalter). Darin heißt es, dass ein Mann vor einem Einhorn flieht, dem Tod, und stürzt dabei in einen Abgrund. Er kann sich gerade noch an einem Baum festhalten. Zu allem Unglück nagen nun Tag und Nacht eine weiße und eine schwarze Maus an der Wurzel des Baumes, während unten ein Drache mit aufgesperrtem Rachen wartet. Aus den Zweigen des Baumes tropft Honig und der Mann kann nicht widerstehen und vergisst dabei die Gefahr. In dieser Deutung steht der Baum für das Leben selbst, die beiden Mäuse für die Zeit, die unaufhaltsam daran nagt.

Die Stadt Lübeck hat ihre eigene Legende. Vor der Marienkirche wuchs ein prächtiger Rosenstrauch, und die Lübecker glaubten: Solange er blüht, bleibt die Stadt frei. Als der Strauch im 13. Jahrhundert plötzlich zu welken begann, fanden die Bewohner die Ursache in den Wurzeln: Eine Maus hatte dort ihr Nest gebaut und ihre Jungen hatten die Wurzeln durchgenagt. Die dunkle Ahnung bewahrheitete sich. Im Jahr 1201 musste sich Lübeck den Dänen ergeben. Als die Stadt 1227 wieder frei war, ließ der Rat ein Steinrelief anfertigen. Als Mahnung, dass aus kleinem Übel großes Unglück entstehen kann. Die Lübecker Kirchenmaus befindet sich im inneren der Marienkirche. Heute wird sie „Rosemarie“ genannt und wer sie berührt, soll Glück haben.
Die Maus wurde in dieser Zeit fast nie neutral betrachtet, sondern immer als Zeichen für etwas Größeres: Gier, Verlust, das Verstreichen der Zeit, manchmal sogar den Tod selbst.

Wie wird die Maus heute gedeutet?

Mit Sigmund Freuds „Traumdeutung“ von 1900 und C. G. Jungs Arbeit an Symbolen verschob sich der Blick von der äußeren Bedrohung zur inneren Welt. In der modernen psychologischen Traumdeutung gilt die Maus heute meist als Hinweis auf übertriebene Sorge um Kleinigkeiten. Auch auf Schuldgefühle, die sich bei genauem Hinsehen oft in nichts auflösen, oder als Aufforderung, nicht länger die „graue Maus“ zu spielen und sichtbarer zu werden. Aus dem gefürchteten Dämon des Mittelalters wurde ein leiser innerer Hinweisgeber.

Antikes Griechenland und Rom: Der Gott mit dem Mäusenamen

Statue Maus

Schon der Dichter Homer nennt Apollon in der Ilias (eines der ältesten Helden-Epen der Welt) mit einem ungewöhnlichen Beinamen: Smintheus, was sich am besten mit „Mäusevertilger“ übersetzen lässt. Die Ilias erzählt dazu die Vorgeschichte: Als Agamemnon sich weigerte, die Tochter des Apollon-Priesters Chryses freizugeben, rief der gedemütigte Priester seinen Gott um Hilfe an. Apollon antwortete mit der Pest, die er über das griechische Heer vor Troja schickte. Gleichzeitig wurde er als Smintheus verehrt, als jener, der die Felder von Mäuseplagen befreite.
Das antike Chryse, eine Stadt (Siedlung) aus der Zeit des Trojanischem Krieges (Heutige Gülpinar/Türkei) stand zu Ehren Apollons ein bedeutendes Heiligtum, das Smintheion. Der Überlieferung nach saß zu Füßen seiner Kultstatue das Abbild einer Maus.

Bei der kleinasiatischen Liebesgöttin Astarte-Aphrodite, die gelegentlich mit einer Maus als Attribut dargestellt wurde, dürfte der ungewöhnlich starke Vermehrungsdrang des Tieres eine naheliegende Verbindung zu Fruchtbarkeit und Sinnlichkeit gewesen sein.

Ein gallo-römischer Altar aus Reims (Frankreich) zeigt den keltischen Hirschgott Cernunnos zwischen Apollon und Merkur. Über den drei Gottheiten krönt im Giebel eine Maus. Der Altar steht heute in einem Museum in Reims. Doch so einig ist sich hier die Menschheit nicht. Das Tier wird oft als Ratte benannt. Doch in den älteren archäologischen und historischen Literatur wurde das Tier häufig als Maus erwähnt. Ein kleiner Streit aus der Antike, der bis heute nicht eindeutig geklärt werden konnte.

Ganz ähnlich zwiespältig wurde die Maus auch weiter östlich gesehen. Im antiken Persien galt sie als Geschöpf Ahrimans, des dunklen Gegenspielers des guten Schöpfergottes Ahura Mazda, weil sie Vorräte zerstörte und Krankheiten verbreitete.

In der spätantiken (fünftes Jahrhundert) ägyptischen Bilderschrift des griechischen gelehrten Horapollon, stand das Zeichen der Maus für Zerstörung. Seine Deutung kam daher, weil er sah, wie die Mäuse dieser Zeit alles beim Fressen verschmutzten, was sie nicht restlos auffraßen. Wie verlässlich Horapollons Deutungen tatsächlich die alten ägyptischen Hieroglyphen wiedergeben, ist unter Forschenden allerdings umstritten.

Wie wird das heute gedeutet?

Der Beiname Smintheus ist heute vor allem ein Fall für die Altphilologie und die Archäologie. An Universitäten wird er bis heute als dokumentierter Beiname Apollons gelehrt. Die Tempelruinen bei Gülpınar sind weiterhin Gegenstand archäologischer Forschung. Eine spirituelle Neudeutung wie bei anderen Tieren hat sich um diesen speziellen Aspekt Apollons bislang nicht entwickelt, er bleibt vor allem ein Stück gelehrte Antike.

Hinduismus: Die Maus zu Füßen des Elefantengottes

Elefantengott Ganesha

n altvedischen Mythen war die Maus eng mit der Nacht verbunden: Als grauer Schatten, der den Mond verhüllt und über die Schwelle zwischen Tag und Nacht huscht. Sie trug auf Sanskrit sogar den Namen Müsha, der Dieb.
Die Gottheit Ganesha, der Gott mit dem Elefantenkopf und Sohn von Shiva und Parvati, ist im Hinduismus sehr beliebt. Er gilt als Beseitigter von Hindernissen und wird traditionell zu Beginn neuer Unternehmungen angerufen: bevor ein Gebet gesprochen, eine Reise angetreten oder ein Geschäft eröffnet wird. Sein Reittier, seine Vahana, ist ausgerechnet das kleinste denkbare Gegenstück zu seiner massigen Gestalt: eine Maus namens Mushika. So wird erzählt, dass der Elefant die Wildnis durchquert, indem er Bäume entwurzelt und Flüsse durchwatet, die Maus 

dagegen verschafft sich Zugang zum verriegelten Getreidespeicher. Gemeinsam verkörpern sie die Macht, jedes Hindernis auf dem Weg zur Erlösung zu beseitigen.
Eine Legende aus den Puranas (Sammlung heiliger Schriften) erzählt sogar, ein Dämon sei zur Strafe für seine Respektlosigkeit in eine Maus verwandelt worden. Die Maus verwüstete einen Ashram, bis Ganesha sie mit seinem Seil einfing und sie zähmte.

Wie wird das heute gedeutet?

Ganesha ist im heutigen Indien alles andere als eine ferne mythologische Figur. Eine ethnologische Untersuchung der Universität Hamburg zu privaten Altären oder heiligen Plätzen im urbanen Hinduismus zeigt, wie selbstverständlich Ganesha bis heute in privaten Haushalten verehrt wird. Die kleine Maus zu seinen Füßen gehört dabei ganz selbstverständlich zum Bild, das täglich Millionen Menschen begegnet.

Die Haida an der kanadischen Pazifikküste: Mouse Woman

Bei den Haida (einem Volk der Nordwestküste) das auf den Inseln von Haida Gwaii in der heutigen kanadischen Provinz British Columbia lebt, erzählt man von Kuugan Jaad, der Mausfrau. Sie ist eine Narnauk, d.h. ein gestaltwandelndes übernatürliches Wesen. Mal erscheint sie als Maus, mal als ältere, sehr ordentliche Großmutter. Der Anthropologe John R. Swanton zeichnete bereits Anfang des zwanzigsten Jahrhunderts zahlreiche Erzählungen über sie auf. Mouse Woman gilt als Mutter des Raben, der als Trickser oft Chaos anrichtete und gerne die Welt durch Streiche veränderte und sogar Dinge stahl. Mouse Woman galt dagegen als diejenige die für Ordnung sorgte und galt als Retterin der Verlorenen. Wer ihre Hilfe benötigte durfte ihr Geschenke bringen, am besten Fett oder Wolle von Bergziegen.

Wie wird das heute gedeutet?

Mouse Woman lebt in der zeitgenössischen Haida-Kunst weiter. Einer der bedeutendsten Vertreter der modernen Haida-Kunst, Robert Davidson, hat sie in eigenen Werken verarbeitet. Er beschreibt sie als Wesen, das den Geschichten Halt gibt und den menschlichen Figuren beisteht.
Das kanadische National Film Board produzierte mit „The Mountain of SGaana“ einen Animationsfilm, in dem Mouse Woman als Wegweiserin eine zentrale Rolle spielt.

Die Maus in Märchen, Literatur und Popkultur

Schon Äsop (antiker griechischer Dichter) wusste, was in der Maus steckt. In seiner Fabel „Die Stadtmaus und die Landmaus“ stellt er den bescheidenen, aber sicheren Frieden des Landlebens dem unsicheren Luxus der Stadt gegenüber.

Noch deutlicher wird es in „Der Löwe und die Maus“: Eine Maus, die der Löwe verschont, befreit ihn später, indem sie das Netz zernagt, in dem er gefangen ist. Die Moral ist seit über zweitausend Jahren dieselbe geblieben: Auch das Kleinste kann entscheidend sein.

Eine andere, weniger bekannte antike Fabel erzählt von einer Maus, die auf der Suche nach Nahrung in einen Topf Fettbrühe fiel. Angesichts eines so genussreichen Abschieds vom Leben beglückwünschte sie sich noch. Ein Stück trockener Galgenhumor, der zeigt, dass man der Maus auch in der Antike schon einen gewissen Witz zutraute.

E. T. A. Hoffmann griff im Jahr 1816 zu einem ganz anderen Register. Er ließ in seinem „Nussknacker und Mausekönig“ einen siebenköpfigen Mausekönig als finstere Bedrohung über die Weihnachtsnacht herfallen.

Maus mit der Rübe

Im russischen Volksmärchen „Das Rübchen“, das der Sammler Alexander Afanasjew im neunzehnten Jahrhundert aufzeichnete, ist es ausgerechnet die kleinste aller Helferinnen. Eine Maus, deren Kraft am Ende den Unterschied macht und die riesige Rübe endlich aus der Erde zieht.

Auch im zwanzigsten Jahrhundert blieb das Tier präsent. Ob als Disneys Micky Maus, einer der bekanntesten Zeichentrickfiguren der Welt, als Kutscherinnen, in die sich Cinderellas Mäuse in vielen Märchenfassungen verwandeln, oder als Bernard und Bianca, die als Mitglieder einer geheimen Rettungsgesellschaft Kindern und anderen Tieren in Not zur Hilfe eilen.

Vom antiken Fabeltier bis zur Trickfilmfigur zieht sich ein roter Faden: Die Maus wird fast immer unterschätzt.

Fazit

Liebe Freundinnen und Freunde der universellen Krafttierenergie, wie ihr nun gelesen habt, ist das Krafttier Maus bis heute nicht eindeutig zu deuten. Im mittelalterlichen Europa ein Bote des Teufels, der sogar Seelen aus schlafenden Kindern stehlen konnte. In Griechenland gleichzeitig Auslöser und Bezwinger einer Seuche, je nachdem, von welcher Seite Apollon sich zeigte. In Indien still und unbeachtet zu Füßen eines Gottes, der genau die Kräfte gezähmt hat, für die sie steht. Bei den Haida eine kluge alte Großmutter, die für Ordnung sorgte. Selbst Herr Freud und Herr Jung haben die Maus mit in ihre Arbeit aufgenommen.

Doch wonach gehen wir heute?

In der Vergangenheit waren es „auserwählte“ Menschen und/oder Götter, die mit der universellen Krafttierenergie in Kontakt treten konnten. Diese Zeiten sind zum Glück vorbei. Heute müssen wir nicht mehr auf die allgemeinen Deutungen hören, wir können uns unsere persönliche Botschaft übermitteln lassen. Mehr dazu:  

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