Krafttier Eichhörnchen
Vom Unruhestifter am Weltenbaum bis zum göttlichen Boten
Zack. Weg. Schon wieder verschwunden, bevor du richtig hinschauen konntest.
Das Eichhörnchen ist einfach so. In einem Moment sitzt es auf dem Ast und im nächsten ist es nur noch ein rotbraunes Aufblitzen zwischen den Bäumen. Wer versucht es zu fotografieren, wird wissen, wie schwer es ist.
Diese blitzartige Unberechenbarkeit hat Menschen in ganz verschiedenen Kulturen fasziniert, irritiert und beschäftigt.
Dabei wurde das Krafttier Eichhörnchen kulturgeschichtlich ziemlich gegensätzlich bewertet. Als göttlicher Bote und woanders als Unruhestifter. Es symbolisiert die Vorsorglichkeit auf der einen Seite, für Geiz und Teufelsnähe auf der anderen.
Doch lest selbst, liebe Freundinnen und Freunde der universellen Krafttierenergie, was die Menschen der verschiedenen Kulturen in das Eichhörnchen deuteten.
Das Eichhörnchen in der Natur
Wer einmal zugeschaut hat, wie das Eichhörnchen einen Baumstamm kopfüber hinabläuft, als wäre oben und unten gleichgültig, der versteht, warum Menschen in diesem kleinen Tier immer mehr sahen als nur einen Nager.
Das Eichhörnchen verbringt fast sein gesamtes Leben in den Baumkronen. Es springt weite Abstände von Ast zu Ast und steuert seine Flugbahn mit dem buschigen Schwanz. Beim Fressen liegt der Schwanz elegant S-förmig über dem Rücken. Bei Störung schießt das Tier senkrecht nach oben, begleitet von einem empörten „Duck-Duck-Duck“.
Für den Winter legt es in unzähligen Erdlöchern und Baumhöhlen Vorräte an. Doch es ist vergesslich und weiß so manches Mal nicht mehr, wo die Vorräte versteckt sind. Aber das macht nichts, denn es hat genug Depots und die Natur profitiert davon. Denn im Frühling sprießen aus den vergessenen Depots junge Bäume. Das Eichhörnchen pflanzt also, wenn auch unfreiwillig, Wälder. Einen Winterschlaf macht es nicht; es döst nur, wacht auf, sucht seine Verstecke. Ein Jungtier, das seine Vorräte vergisst, überlebt den Winter häufig nicht.
Die Eichhörnchenmutter schleppt ihre Jungen bei Gefahr einzeln an ihrem Hals hängend in Sicherheit. Das können bis zu sechs Knirpse sein, die sie der Reihe nach in Sicherheit bringt.
Genau diese Kombination aus Geschwindigkeit, Unvorhersehbarkeit, Fleiß und einer gewissen Vergesslichkeit hat Menschen weltweit dazu gebracht, im Eichhörnchen ein Spiegel des menschlichen Geistes zu sehen: quirlig, kreativ, manchmal brillant, manchmal sich selbst im Weg.
Germanisch-nordische Mythologie: Ratatösk – der Unruhestifter am Weltbaum
Historische Bedeutung:
Am Weltbaum Yggdrasil, der Achse des gesamten nordischen Kosmos, lebte Ratatösk, was sich ungefähr mit „Nagetier“ oder „Bohrerzahn“ übersetzen lässt. Dieses Eichhörnchen rast den gewaltigen Baumstamm hinauf und hinunter und verbindet damit Himmel und Erde. Klingt zwar sehr edel, doch das trügt.
Denn Ratatösk trägt Gehässigkeiten von einem Ort zum nächsten. Was der Adler (der keinen eigenen Namen hat) in der Baumkrone über den Drachen Nidhöggr an der Wurzel gesagt haben soll, und umgekehrt. Böse Nachrichten und stachelnde Worte entfachten einen ewigen Streit zwischen Adler und Drache und somit zwischen Licht und Dunkel. Ratatösk schürte ihn immer wieder neu an.
In der nordisch-germanischen Mythologie war das Eichhörnchen damit ein Verbindungsglied zwischen den Welten und eine Quelle von Unfrieden. Einige Übermittlungen zufolge, wurde die feuerrote Farbe des Tieres in Verbindung mit Loki, dem Gott des Schabernacks, der List und des Feuers, und mit Thor, dem Gott des Donners gebracht. Rote Tiere galten den Germanen als heilig. Doch Ratatösk trug zusätzlich den Ruf des Bösewichts.
Die Tiefenpsychologie hat diesen Mythos später neu gedeutet: Der Streit zwischen Adler und Drachen als Symbol für den Konflikt zwischen Intellekt und innerer Weisheit und zwischen Ober- und Unterbewusstsein. Das Eichhörnchen wird darin mit der Geschwätzigkeit des Geistes, der nie aufhört zu denken, zu vergleichen und zu sticheln gebracht.
Heute:
Ratatösk ist heute eine der bekanntesten Figuren der nordischen Mythologie. Und das weit über esoterische Kreise hinaus. In modernen neopaganen Traditionen, etwa dem Ásatrú (moderne Wiederbelebung des alten, vorchristlichen Glaubens der Germanen und Wikinger) gilt Ratatösk als Sinnbild für Kommunikation, Informationsweitergabe und die Kraft des positive sowie negativen Wortes. Das Bild des Eichhörnchens als Übermittler zwischen verschiedenen Ebenen ist lebendig geblieben.
Christliches Mittelalter: Zwischen Teufelsnähe und göttlicher Weisheit
Historische Bedeutung:
Das Mittelalter hatte weder eine eindeutige noch eine positive Meinung zum Eichhörnchen.
Die feuerrote Farbe brachte das Tier in der christlichen Mythologie in die Nähe des Teufels. Wie nahezu alle „Feuertiere“ wurde es mit dem Bösen assoziiert. Ein Volksglaube überlieferte: Wo ein Eichhörnchen über das Dach eines Hauses läuft, dort bricht Feuer aus.
Gleichzeitig symbolisierte das agile Tier in der Alchemie des 15. bis 17. Jahrhunderts das Bild Sulphur (Schwefel), dass feurige, brennbare, aktive und männliche Prinzip. Es steht für die Seele, die Hitze und das Bewusstsein.
In der mittelalterlichen Malerei wurden Eichhörnchen auf den Sündenfall im Paradies bezogen. Genauer auf die menschliche Sündhaftigkeit. Doch ihre fleißige Vorratssammlung zeigte andererseits tugendhafte Emsigkeit und kluge Vorausschau.
Der Mystiker Adam von Sankt Viktor (Dichter, Komponist und Theologe im 12. Jahrhundert) sah in der mühevollen Suche des Eichhörnchens nach dem süßen Kern der Nuss, eine Metapher für die Suche nach göttlicher Weisheit. Das Harte beißen, um zum Weichen zu gelangen.
In manchen Chorgestühlen des Mittelalters kann das Tier sogar als Sinnbild einer tugendhaften Lebensführung auftauchen. Das Eichhörnchen im Chorgestühl des Ulmer Münsters ist erhalten.
Als Haustier war das Eichhörnchen im Mittelalter bei adligen Frauen und Nonnen, sehr beliebt. Direkt nach Hunden, Katzen und Vögel. Man ließ sich gern mit dem Tier auf der Schulter oder an der Leine malen. Das Eichhörnchen ist in der Natur schwer zu fangen, und wer sich damit abgebildet hatte, symbolisierte die Zähmung der wilden Natur und der eigenen Triebe.
Heute:
In der modernen Symbolforschung und Ikonografiegeschichte (Historische Entwicklung der Bedeutung von Bildsymbolen) gilt das mittelalterliche Eichhörnchen als interessantes Beispiel für die Ambivalenz christlicher Tiersymbolik: Dasselbe Tier kann je nach Kontext Tugend und Laster repräsentieren. Museen und Kirchenführungen verweisen heute auf erhaltene Eichhörnchendarstellungen in Chorgestühlen und Buchmalerei als Zeugnisse dieser vielschichtigen Bildsprache.
Keltische Tradition: Bote der Kriegsgöttin Medb
Historische Bedeutung:
Einige Quellen zur folge taucht das Eichhörnchen in der irisch-keltischen Mythologie als Begleiterin der mächtigen Kriegerkönigin Medb auf. Andere Quellen sagen, es wäre kein Eichhörnchen, sondern ein Marder. Dennoch möchte ich hier auf das Eichhörnchen eingehen.
Medb, Königin von Connacht, ist eine der faszinierendsten Figuren der keltischen Überlieferungen: Sie ist stark, kompromisslos und mit unerschütterlichem Willen. Auf vielen Darstellungen sitzt auf ihrer Schultern ein Vogel und ein Eichhörnchen als „Boten der Erde und des Himmels“. Die Verbindung zwischen den Welten als Übermittlerin von Nachrichten.
Dass die Schnelligkeit und das unaufhörliche Geplapper des Eichhörnchens zu einer Göttin für Chaos und Energie passen soll, ist wohl für viele einleuchtend (ich kann auch im Stillen für Chaos und Energie sorgen). Im keltischen Sagenzyklus tötet der Held Cuchulainn Medbs spirituelle Begleiter ihren Vogel und ihr Eichhörnchen.
In der keltischen Mythologie galt das Eichhörnchen außerdem als Klatschvogel der Tierwelt, als Überbringer von Neuigkeiten zwischen den Reichen.
Heute:
In modernen keltischen spirituellen Traditionen und im zeitgenössischen Keltik-Neupagandismus wird das Eichhörnchen heute vor allem mit Kommunikation, Wendigkeit und der Fähigkeit verbunden, zwischen verschiedenen Ebenen zu vermitteln. Die Verbindung zu Medb betont dabei die weibliche Kraft und das Chaotisch-Kreative.
Hinduismus: Das kleine Eichhörnchen, das einen Gott rührte
Historische Bedeutung:
Im hinduistischen Epos Ramayana (einer der zentralen Texte der indischen Überlieferung) baut der Gott Rama mit einer Affenarmee eine Brücke über den Ozean, um seine entführte Frau Sita zu befreien. Ein kleines Eichhörnchen ist ebenfalls vor Ort. Zwar kann es keine Felsbrocken schleppen, aber es möchte helfen und tut was es kann. Es trägt Sandkörner, das es mühsam im Fell sammelte und trug es zu den Lücken in der Brücke um diese damit zu füllen.
Die Affen verspotten das Tier. Was soll schon so ein Sandkorn nützen? Doch Rama mahnte sie: “Nicht die Kraft entscheidet, sondern die Hingabe und unser kleines Eichhörnchen trägt mit seiner Liebe zur großen Aufgabe bei.” Dabei streichelte Rama das Tier über den Rücken und an der Stelle seiner Finger erschienen drei helle Streifen.
Noch heute tragen die indischen Palmhörnchen (Funambulus palmarum) diese drei Streifen. Sie werden als Fingerabdrücke des Gottes angesehen.
Diese Geschichte macht das Eichhörnchen zu einem Symbol für die Kraft der kleinen Beiträge, für Hingabe ohne Ego und für die Würde jedes Wesens, egal wie gering seine Möglichkeiten erscheinen mögen.
Heute:
Die Geschichte des kleinen Eichhörnchens und Ramas gehört bis heute zu den bekannten populären Erzählungen des Hinduismus. In Indien wird sie oft als Lehrgeschichte für Kinder erzählt. Die indischen Palmhörnchen, die man besonders rund um Tempel antrifft, gelten manchen Gläubigen als heilige Tiere mit einer direkten göttlichen Verbindung.
Indigene Völker Nordamerikas: Doppelzüngiger Klatschvogel und Waldhüter
Historische Bedeutung:
In den Überlieferungen vieler indigener Völker Nordamerikas taucht das Eichhörnchen als eine Figur mit zwei Gesichtern auf.
Auf der einen Seite gilt es als lärmendes, streitlustiges Tier. In vielen Tiergeschichten ist das Eichhörnchen dasjenige, das Gerüchte verbreitet, Unruhe stiftet, andere Tiere gegeneinander aufbringt. Ein Charakterbild, das Konflikte erst entstehen lässt.
Auf der anderen Seite gilt das Eichhörnchen bei verschiedenen Stämmen als Waldhüter und Hüterin der Bäume. Es gilt als fleißig und vorausschauend. Im Frühling pflanzt es, ohne es zu wissen, junge Wälder. In manchen nordwestlichen Küstenstämmen gilt das Eichhörnchen auch als Botschafterin, die Warnungen der Natur an die Menschen weitergibt. Die fliegenden Eichhörnchen haben in einigen Überlieferungen eine besondere Verbindung zu Träumen und zur unsichtbaren Welt.
Die Ojibwe-Tradition (eines der größten indigenen Völker (First Nations) Nordamerikas) überliefert Geschichten von Eichhörnchen als cleveren Problemlösern. In manchen südöstlichen Stämmen werden sie als Pfleger des Waldes verehrt.
Heute:
In zeitgenössischen Native American Gemeinschaften wird das Eichhörnchen vor allem in seiner Funktion als Waldhüter und Planer gewürdigt. Die Bedeutung als Tier, das durch sein Vergessen neue Wälder erschafft, wird in modernen Umweltbildungsprogrammen mancher indigener Organisationen aufgegriffen und als Beispiel für das Zusammenspiel aller Wesen in einem Ökosystem verwendet.
Psychologische Deutung: Das nagende Denken
Historische und moderne Bedeutung:
Die psychologische Deutung des Eichhörnchens knüpft an die nordische Mythologie an und führt sie weiter. In der tiefenpsychologischen Lesart steht Ratatösk für den unruhigen Geist, der zwischen Bewusstsein und Unterbewusstsein hin und her läuft. Die „nagende Unruhe“ des Geistes mit der Unfähigkeit, einfach einmal stillzuhalten.
Das Eichhörnchen soll als Informationsträger, also als Bindeglied zwischen verschiedenen Bewusstseinsebenen gelten: Taghelligkeit und Nacht, Vernunft und Intuition, Bewusstsein und Unterbewusstsein. In diesem Bild ist das Tier neutrale Figur. Es trägt das, was da ist. Ob das gut oder schlecht ankommt, hängt von der Betrachtung ab.
Die charakterliche Zuschreibung wechselt je nach Kontext: Scheu, Neugier, Lebhaftigkeit, Hast, Sammelleidenschaft, kluge Vorausschau.
Eichhörnchen in Märchen, Literatur und Popkultur
Das Eichhörnchen hat es bis in die Kinosäle und die Wohnzimmer geschafft.
Da wäre Scrat, ein prähistorisches Säbelzahneichhörnchen, aus der Ice Age-Reihe. Die Rolle des Tieres in allen Geschichten ist einfach: Wie besessen versucht es eine einzige Eichel zu bekommen und hat viele damit zum Lachen gebracht. Eine moderne Version der alten Geschichte vom Eichhörnchen als Symbol unerfüllter Leidenschaft und rastlosem Wollen.
In europäischen Märchen und Fabeln taucht das Eichhörnchen häufig als Nebenfigur auf: quirlig, hilfsbereit, manchmal unzuverlässig und geschwätzig. In den indischen Erzählungen des Ramayana übernimmt das Eichhörnchen eine tragende Rolle als Symbol für bedingungslose
Hingabe und den unschätzbaren Wert kleiner Taten, indem es mit Sandkörnern beim Bau von Lord Ramas Brücke hilft.
In mittelalterlichen Bestiarien und in der Ikonografie kirchlicher Kunst erscheint das Eichhörnchen mal als Warnung vor Habgier, mal als Bild frommer Emsigkeit. Dieselbe Figur, völlig entgegengesetzte Botschaften. Das Mittelalter kannte eben keine eindeutigen Tiere.
Fazit
Seit Jahrtausenden trägt das Krafttier Eichhörnchen viele Bedeutungen auf mehreren Kontinenten in sich. Es gilt als göttlicher Bote und Unruhestifter, als Teufelsnah und fromm oder als Waldhüter und Klatschbase. Es ist ein Symbol für Hingabe und für nagende Unruhe.
In der Vergangenheit waren es „auserwählte“ Menschen, die mit der universellen Krafttierenergie in Kontakt treten konnten. Diese Zeiten sind zum Glück vorbei. Heute müssen wir nicht mehr auf die allgemeinen Deutungen hören, wir können uns unsere persönliche Botschaft übermitteln lassen. Mehr dazu:
