Krafttier Wolf
Zwischen Dunkel und Neubeginn
Der Wolf hat die Vorstellungswelt der Menschen sehr gespalten. Als Krafttier und mythologisches Symbol wurde er gefürchtet, verehrt, verteufelt und sogar bewundert. In den unzähligen Kulturen steht er sowohl für die dunkleren, unkontrollierbaren Kräfte der Natur und ebenso für Wandel, Neubeginn und Seelenführung.
Doch lest selbst, liebe Freundinnen und Freunde der universellen Krafttierenergie, was bisher über die Bedeutung und Deutung des Wolfes herausgefunden wurde.
Hüter der Schwelle im alten Ägypten
Der altägyptische Gott Upuaut, dessen Name „Öffner der Wege“ bedeutet, wurde als Wolf oder Schakal dargestellt und erfüllte eine Doppelrolle: Im Diesseits führte er die königliche Vorhut des Heeres an, im Jenseits wies er den Seelen den Pfad durch die Unterwelt. Die Verehrung wolfsgestaltiger Götter soll aus der Beobachtung wilder Hunde und Wölfe auf Friedhöfen entstanden sein. Sie wurden als heilige Wächter verehrt, denn die Unversehrtheit des Körpers durch Mumifizierung galt als Grundvoraussetzung für das ewige Leben. In späteren Epochen war es üblich, zwei Wölfe auf die Fußenden von Särgen zu malen, damit sie dem Toten den Weg ins Jenseits öffneten
Nacht, Winter und Weltuntergang Deutung in der germanischen Edda
In der germanischen Edda-Dichtung heißt es, dass der kosmische Fenriswolf (Sohn von Loki) zur Aufrechterhaltung der göttlichen Ordnung in starken Zauberketten lag. Am Tag der Ragnarök (der Götterdämmerung) brechen diese Fesseln jedoch durch gewaltige Erdbeben. Fenrir, der Bruder der Midgardschlange, kommt frei und tötet in der finalen Schlacht den Göttervater Odin.
Weil bei dieser Götterdämmerung fast alle Götter starben und die Welt versank, wirkt das Geschehen wie das endgültige Ende der germanischen Schöpfung. Doch die Edda beschreibt keinen ewigen Tod, sondern einen Neuanfang: Die alte Sonne wird zwar von Wölfen verschlungen, gebiert zuvor aber eine Tochter. Diese junge Sonne übernimmt nach der Katastrophe den Platz am Himmel und leuchtet über einer völlig neu entstehenden Erde.
Manche Überlieferungen nennen für den Sturmgott Odin vagr die Beinamen „Wolf“, „Dieb“, und „Geächteter“, die ihn selbst als einen frei Umherschweifenden charakterisierten. Im sibirischen Schamanismus galt der Wolf als Herr der Jagd und des Waldes. Die Verkörperung aller animalischen und instinktiven Kräfte der Überlebensstrategie
Die Wölfin als Urmutter der Stadt Rom
In zahlreichen Legenden nehmen Wölfinnen im Wald ausgesetzte Kinder mütterlich an. Was als ein Sinnbild für die schützenden Kräfte der wilden Natur gedeutet wird.
Eine bekannte Geschichte ist die römische Gründungssage mit den Zwillingen Romulus und Remus, die Söhne des Kriegsgottes Mars und der Priesterin Rea Silvia. Der König Amulius soll den Befehl gegeben haben, die Thronfolger im Fluss Tiber zu ertränken. Doch der Korb mit den Babys ging nicht unter, sondern strandete am Ufer.
Dort fand eine Wölfin die Zwillinge und säugte sie, bis der Hirte Faustulus die Kinder entdeckte und großzog. Als Erwachsene beschlossen die Brüder, an der Stelle ihrer Rettung eine Stadt zu gründen. Nach einem heftigen Streit über die Stadtmauern erschlug Romulus seinen Bruder Remus. Romulus wurde zum ersten König der neuen Stadt, die schließlich nach ihm „Rom“ genannt wurde.
Märchen und Christentum
Biblische Texte charakterisierten mit der Wildheit des Wolfs das Gottlose und die selbst verschlingende Triebhaftigkeit des Menschen. Da der Wolf in der damaligen Hirtenkultur als der gefährlichste Feind der Herde galt, wurde er zum ultimativen Symbol für Skrupellosigkeit und Machtmissbrauch. So nutzte der Prophet Ezechiel im Alten Testament das Bild des Beute reißenden Wolfes, um die Beamten und Würdenträger Israels für ihre Habgier anzuprangern. Im Neuen Testament wird vor falschen Propheten gewarnt, die Harmlosigkeit vortäuschen, aber wie Wölfe im Schafspelz agieren. Ein Bild, das bis heute in der Sprache lebendig ist.
In den europäischen Märchen wurde diese dunkle Seite des Wolfes weiter ausgebaut. Im Märchen Rotkäppchen der Brüder Grimm verkörpert der Wolf blinde, unersättliche Gier. Er verschlingt die Großmutter, täuscht das Kind und wird am Ende vom Jäger erlegt. Im Märchen „Der Wolf und die sieben Geißlein“ schleicht er sich mit verstellter Stimme ins Haus und frisst die Geißlein. Nur das klügste versteckt sich und überlebt. Der „böse Wolf“ der Grimmschen Märchen ist damit zum Archetyp des hinterlistigen, gefräßigen Verführers geworden, der bis heute nachwirkt.
Mittelalterlichen Literatur
In der mittelalterlichen Tierdichtung entwickelte sich der Wolf zu einer festen literarischen Figur und verlor seine rein bedrohliche Rolle. Im mittellateinischen Epos Ysengrimus, das um 1148/49 entstand, begegnet er erstmals als zentraler Protagonist mit eigenem Namen. Bereits in diesem Werk bildet die fundamentale Feindschaft zwischen Fuchs und Wolf das tragende Motiv der Handlung.
Diese Dynamik wurde im berühmten altfranzösischen Roman de Renart weiter ausgebaut. Dort trägt der Wolf den Namen Isengrin und wird von seinem Kontrahenten, dem listigen Reineke Fuchs, in zahlreichen Episoden immer wieder überlistet, vorgeführt und gedemütigt. Dieses literarische Bild spiegelt die ambivalente Wahrnehmung des Wolfes im Mittelalter perfekt wider: Er galt zwar als körperlich mächtiges und gefährliches Raubtier, wurde in den satirischen Erzählungen jedoch durch die überlegene Intelligenz des Schwächeren konsequent bezwungen.
Wandel und Transformation
Da Wölfe vorwiegend in der Dämmerung und Nacht auf Raubzug gehen, wurden sie in vielen antiken Kulturen zum Symbol des Übergangs zwischen den Welten – vom Leben zum Tod. Als Grenzgänger zwischen Licht und Dunkelheit galten sie oft als Begleiter der Seelen ins Jenseits. Auch das Motiv des Verschlingens besitzt eine tiefe symbolische Bedeutung: Im Bauch des Wolfes vollzieht sich in Mythos und Märchen traditionell eine Transformation. Das Verschlucktwerden und die spätere Rettung stehen sinnbildlich für das Sterben eines alten Zustands und einen darauffolgenden Wandel. Während historische
europäische Quellen den Wolf meist als Bedrohung sahen, schreibt ihm die moderne Spiritualität eine positive Rolle zu: Hier gilt die Begegnung mit dem Tier, insbesondere mit einem seltenen weißen Wolf, als Zeichen für inneres Wachstum und die Entdeckung neuer Potenziale.
Der Wolf heute
Während der Wolf in Mythos und Märchen jahrhundertelang als Inbegriff des Bösen galt, zeichnet die Wissenschaft heute ein völlig anderes Bild. In Deutschland wurde der letzte Wolf 1904, nach Jahrhunderten systematischer Verfolgung, in der Lausitz geschossen. Seit dem Jahr 2000 kehrt er zurück. Zunächst wurde er auf einem Truppenübungsplatz in der Oberlausitz gesichtet, heute lebt er bereits in mehreren Bundesländern.
Angriffe gesunder Wölfe auf Menschen sind in Mitteleuropa äußerst selten und fast ausschließlich auf Tollwut, Provokation oder Futterkonditionierung zurückzuführen. Als Raubtier an der Spitze der Nahrungskette reguliert er natürliche Kreisläufe: Er schlägt überwiegend krankes und geschwächtes Wild und verhindert damit die Überpopulation von Hirschen und Rehen, was wiederum den Wald schützt. Ein Sprichwort bringt es auf den Punkt: „Wo der Wolf lebt, wächst der Wald.“
Dennoch bleibt sein Ruf gespalten. Für Schafhalter und Weidetierbesitzer ist seine Rückkehr eine echte Herausforderung. Für Naturschützer ist sie ein Zeichen, dass Wildnis zurückkommt.
Ein Tier, zwei Gesichter
Was alle Überlieferungen verbindet, ist die tiefe Ambivalenz dieses Tieres. Der Wolf steht in den Vorstellungswelten der Menschheit nie nur für das Eine, er ist immer beides zugleich: Bedrohung und Schutz, Finsternis und Neubeginn, Zerstörung und Wandel. Vielleicht liegt genau darin seine anhaltende Faszination.
In der Vergangenheit waren es „auserwählte“ Menschen, die mit der universellen Krafttierenergie in Kontakt treten konnten. Diese Zeiten sind zum Glück vorbei. Heute müssen wir nicht mehr auf die allgemeinen Deutungen hören, wir können uns unsere persönliche Botschaft übermitteln lassen.
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